Warteschleife (Part 1)

Hier ein Beitrag aus meiner “Schreiberei”, und zwar der erste Teil des Theaterstücks, an dem ich gerade arbeite. Ganz bewusst ist es nur der erste Teil – denn mich würde sehr interessieren, wieviel von der Handlung/des Themas man wohl aus diesem Anfang erahnen kann. Ihr dürft also gern kommentieren… :-)

* * *

Die Bühne:

Wir sehen eine Art Wartezimmer. Der Fokus liegt auf einer Sitzgruppe, bestehend aus zwei Sesseln, dazu evtl. ein Beistelltisch. Keine Zeitschriften, keine Bilder an den Wänden, keine Dekoration. Der Raum ist gerade ausreichend beleuchtet, die hinteren Bereiche liegen im Schatten, so dass nur wenige Einzelheiten zu erkennen sind.

In einem der Sessel sitzt Oliver Jonas, ein Mann in den späten Vierzigern, Typ Geschäftsmann, allerdings nicht gerade in Bestform und scheinbar schwer verkatert. Er macht ganz den Eindruck, als habe er eine harte Nacht hinter sich – wahrscheinlich sogar eine ganze Reihe harter Nächte.

Er trommelt mit den Fingern auf der Sessellehne herum und rutscht unbehaglich hin und her. Schließlich holt er sein Handy aus der Jackentasche, wählt eine Nummer und hält sich das Gerät ans Ohr.

Oliver: 

Gibt’s doch nicht, kein Netz hier drin! (steht auf und geht mit dem Handy im Raum herum – ohne Erfolg) Und wo geht’s hier raus? Hier muss doch irgendwo ein Ausgang sein… (kommt zurück, setzt sich wieder, schaut sich ratlos um und massiert sich die Schläfen) Oh, Mann!

Es geht ihm nicht gut. Er lehnt sich mit geschlossenen Augen zurück und atmet tief durch.

Auf einmal erscheint SIE auf der Bildfläche. Wir hören keine Tür schlagen, o.ä.; sie ist einfach da, Typ Traumfrau im Business-Outfit, vorwiegend weiße Kleidung. Professionell, kompetent, ein bisschen kühl, Laptop unter dem Arm.

Sie:

Guten Tag, Herr Jonas!

Oliver:

(schaut auf, automatische Reaktion) Guten Tag! (stutzt) Wo kommen Sie denn auf einmal her? (nimmt sich zusammen, steht auf, übliche Business-Routine) Entschuldigung – ich …äh… habe noch ein paar Orientierungsschwierigkeiten und anscheinend meine Termine etwas durcheinandergebracht. Wir sind verabredet, nehme ich an?

Sie:

Nein, das kann man so eigentlich nicht sagen. Bitte – nehmen Sie ruhig wieder Platz. Es dauert sicher nicht mehr allzu lange.

Sie setzt sich ihm gegenüber, stellt den Laptop aufgeklappt auf den Tisch und konzentriert sich auf den Bildschirm, während sie hin und wieder Befehle eintippt. Er betrachtet sie neugierig. Sie scheint ihn zu kennen, aber er hat keine Ahnung, wer sie ist.

Oliver:

(räuspert sich) Entschuldigung, aber – kennen wir uns nicht?

Sie:

Ist das eine Frage? Oder der Versuch, ein Gespräch anzufangen?

Oliver:

Na ja… beides, würde ich sagen.

Sie:

Aha. Tja, ich glaube nicht, dass Sie mich kennen.

Oliver:

Aber Sie kennen mich anscheinend? Zumindest meinen Namen, und da sind Sie mir gegenüber eindeutig im Vorteil. (Pause. Sie geht nicht darauf ein. Er greift gewohnheitsmäßig in seine Jackentasche, findet nichts, sucht systematisch sämtliche Taschen seines Jacketts ab. Findet nichts) Merkwürdig, ich hatte doch… ich weiß ganz genau…

Sie:

Suchen Sie etwas?

Oliver:

Meine Zigaretten. Das heißt, wenn es Sie nicht stört, dass ich rauche.

Sie:

Tut mir leid, aber hier ist ein Nichtraucherbereich.

Oliver:

So. Was soll’s, ich kann sie sowieso nicht finden… obwohl ich sie vorhin noch gehabt habe. Sind vermutlich da, wo auch mein Aktenkoffer gelandet ist: (sarkastisch) Geheimnisvollerweise verschwunden ins Nichts.

Sie:

Sie vermissen Ihren Aktenkoffer?

Oliver:

Seit ich hier angekommen bin, vermisse ich so Einiges. (Versucht es mit Konversation.) Aber das ist wohl so, wenn man ständig unterwegs ist. Sie kennen das sicher. Von einem Flieger in den nächsten, von einem Termin zum anderen. Da geht schon mal das Gepäck verloren – oder die Orientierung.

Sie:

Und die Konzentration? Sie sehen nicht so aus, als wären Sie in der Lage, sich auf irgendetwas zu konzentrieren.

Oliver:

Keine Sorge, das ist nur der Jetlag, das geht vorbei.

Sie:

Wie Sie meinen… (Schaut prüfend abwechselnd auf ihn und auf ihren Monitor. Lehnt sich dann zurück, schlägt Beine übereinander und widmet ihm ihre volle Aufmerksamkeit.) Wie sind Sie eigentlich hierher gekommen?

Oliver:

Wie ich…? Sie meinen, ob mit dem Auto, Zug oder Flieger?

Sie:

Ja, das auch. Können Sie sich daran erinnern?

Oliver:

(sehr irritiert) Eine ziemlich merkwürdige Frage, finden Sie nicht? (Pause) Ich meine, warum sollte ich mich nicht erinnern können? (lange Pause… steht auf, stellt sich hinter seinen Sitz und starrt sie an) Okay. Also, was ist hier los? Wenn Sie es wissen wollen, ich kann mich tatsächlich nicht daran erinnern! Und wenn Sie es GENAU wissen wollen, ich habe nicht den leisesten Schimmer, wo ich hier eigentlich bin!

Sie:

Na ja. Um in Ihrer Terminologie zu bleiben… man könnte das hier als „Warteschleife” bezeichnen.

Oliver:

Und was soll das schon wieder heißen? Und überhaupt: Wo ist hier der Ausgang? Ich habe vorhin keinen gefunden, und das kann ja wohl nicht sein!

Sie:

Doch, bei uns schon.

* * *

(To be continued…)